Russian blues

 

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Yves Klein Untitled Blue Monochrome

Als ich vor einigen Jahren umfangreiche technische Dokumentationen fĂŒr einen Hersteller von Hightech-MedizingerĂ€ten ĂŒbersetzte, bin ich auf einen Kommentar des englischsprachigen Lektors aufmerksam geworden, der die Übersetzung im Auftrag des Herstellers auf terminologische Genauigkeit ĂŒberprĂŒfte. Die Aufgabe des Lektors war unter anderem sicherzustellen, dass jedem relevanten Begriff des Originals eine einzelne, eindeutige und unverwechselbare Entsprechung in der Zielsprache zugewiesen wurde. Also möglichst bitte keine Synonyme oder Umschreibungen, technische Übersetzer sprechen gerne in so einem Fall von begrifflicher Konsistenz. Der Lektor, der Russisch in der Schule gelernt und seitdem laut eigener Aussage nie verwendet hatte, erinnerte sich daran, dass das Wort руĐșĐ° (ruka) gleich zweierlei bedeutet: Hand und Arm. Das gleiche gilt fĂŒr ĐœĐŸĐłĐ° (noga, Bein und Fuß) und ebenfalls fĂŒr ĐżĐ°Đ»ŃŒŃ†Ń‹ (palzy, Finger und Zehen). „One body part in Russian is divided into two parts in English.“ Diese sprachliche Idiosynkrasie nutzte der Lektor als anschaulichen Beweis dafĂŒr, dass eine „Eins-zu-Eins-Übersetzung“ selbst in einem möglichst prĂ€zisen, technischen Umfeld nicht machbar und nicht sinnvoll ist.

Der Kommentar des Lektors fiel mir neulich auf, als ich ein Radiointerview mit Lera Boroditsky (KQED Radio in San Francisco) hörte. Die US-amerikanische Psychologin ist eine echte Celebrity auf dem Gebiet Cognitive Sciences und Sprachpsychologie. In ihren Experimenten zeigt sie, wie die Sprache das Denken prĂ€gt. Ähnlich wie im Falle des menschlichen Körpers setzen verschiedene Sprachen unterschiedliche Grenzen z.B. bei der Wahrnehmung von Farben fest. “In English, there is a word blue, but in Russian there isn’t a single word which describes the whole range of colors that the English call blue. There is instead a separate term for light blue (ĐłĐŸĐ»ŃƒĐ±ĐŸĐč) and dark blue (ŃĐžĐœĐžĐč). And so, Russian speakers are forced by the language to distinguish light shades of blue from dark shades of blue, because they have to call them different names,“ sagt Lera Boroditsly, selbst eine russische Muttersprachlerin, in diesem Interview.

Ein Satz wie z.B. „DrĂŒcken Sie die blaue Taste auf dem Bedienfeld…“ lĂ€sst sich nicht ohne Weiteres ins Russische ĂŒbersetzen. Entweder muss ich das Bild vor den Augen haben oder beim Kunden nachfragen, ob es sich um eine hellblaue oder dunkelblaue Taste handelt. Genauso schwer kann man einen russischen Satz, in dem eine nicht nĂ€her definierte körperliche ExtremitĂ€t vorkommt, ohne Zusammenhang in eine andere Sprache ĂŒbersetzen. Die sprachliche Differenzierung bedingt eine notwendige Anpassung und macht eine mechanische „Eins-zu-Eins-Übersetzung“ schlichtweg unmöglich. Language shapes thought: Diese Erkenntnis ist letztendlich ein weiteres Argument fĂŒr die Unabdingbarkeit eines qualifizierten menschlichen Übersetzers als Mittler zwischen Kulturen ebenso wie ein Argument gegen automatenhafte Verwendung von machine translation und CAT-Tools, die eine „Eins-zu-Eins-Übersetzung“ fördern.

In der Kognitiven Linguistik wird unter anderem untersucht, wie sprachliche Unterschiede unsere Gedanken, Wahrnehmungen und Handlungen bestimmen. So analysiert man zum Beispiel den empirisch festgestellten Unterschied in der Wahrnehmung von GegenstĂ€nden, je nachdem, welches grammatikalisches Geschlecht die Begriffe in den jeweiligen Sprachen haben. Borodetskys Experiment mit dem Wort „BrĂŒcke“ gehört zu den meist zitierten, da am auffĂ€lligsten, FĂ€llen. „Zur Beschreibung einer BrĂŒcke, die im Deutschen weiblich und im Spanischen mĂ€nnlich ist, verwendeten die Sprecher des Deutschen Wörter wie „schön”, „elegant”, „zierlich”, „friedlich”, „hĂŒbsch” und „schlank”, fĂŒr Sprecher des Spanischen war sie eher „groß”, „gefĂ€hrlich”, „lang”, „krĂ€ftig”, „solide” und „aufragend” (deutsche Übersetzung des Artikels „How does our language shape the way we think?“ in der SĂŒddeutschen Zeitung, 16. April 2010). Wer selbst hören möchte, welche Adjektive am hĂ€ufigsten in Verbindung mit die BrĂŒcke und el puente genannt werden, dem ist auch Lera Borodetskys Vorlesung im Berkeley Language Center ans Herz zu legen: gleichzeitig unterhaltsam und erkenntnisreich, empfehlenswert auf jeden Fall!

Bis jetzt hielt ich die Kognitiven Wissenschaften fĂŒr etwas, was meine tĂ€gliche Arbeit weniger berĂŒhrt. Jetzt bin ich eines Besseren belehrt. Oder soll ich sagen – weniger blauĂ€ugig?

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