Als Dolmetscher unterwegs

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Lange Nacht der Kirchen - warum nicht eine "Lange Nacht der Übersetzungsagenturen"

Hamburg. Lange Nacht der Kirchen 2012, Illuminierte Hammer Kirche, Kunst und Kerzen auf dem alten Hammer Friedhof (Ausstellung von Britta Weßling)

Herbst ist die Zeit der langen Nächte. Hier in Hamburg und überall in anderen großen Städten Deutschlands auch in Anführungsstrichen gesetzt. Die erste „Lange Nacht der Museen“ fand 1997 statt. Es kamen „Lange Nacht der Theater“, „Lange Nacht der Wissenschaften“, „Lange Nacht der Medien“ dazu. Die gestrige Nacht war die „Lange Nacht der Kirchen Hamburg“, das größte Ökumenische Fest des Nordens laut Wikipedia. Beim Joggen heute morgen fiel mein Blick auf das Plakat „Lange Nacht der Industrie“. Was kommt demnächst? Wäre es nicht an der Zeit, auch eine „Lange Nacht der Übersetzungsagenturen“ ins Leben zu rufen, wenn es sogar die „Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ gibt (Hamburger Uni 2012).

Ich stelle mir einen Shuttlebus mit freundlichen und neugierigen, meistens älteren Besuchern vor, die nach einer festgelegten Route, mit einem Programmheft in der Hand ab ca. 18.30 Uhr von einer Agentur zur nächsten kutschiert werden. Ein kreativer Workshop zum Thema Flüsterdolmetschen in Zusammenarbeit mit Hamburger „Dialog im Dunkeln“ um 22.00 Uhr? Ein Highlight ohne Gleichen. Mein persönliches Highlight wäre die Gelegenheit, endlich all die smarten, international aussehenden jungen Menschen kennen zu lernen, die ich sonst nur von den Webseiten unserer Übersetzungsagenturen kenne. The Long Night of Introductions. Finally, we will be able to put a name to a face! Seit langem kenne ich diese Menschen nur von Fotos auf Homepages diverser Agenturen (“Alle Sprachen! Alle Fachgebiete!”), entweder als händeschüttelnde Geschäftspartner in Business-Anzügen irgendwo draußen, auf urbanen Plätzen mit den die Kulturen verbindenden Brücken, gegeneinander gerichteten Pfeilen und mehsprachigen Wegweisern im Hintergrund, oder in einem modernen Büro, als junge und smarte, engagiert diskutierende Mitglieder eines multinationalen Experten-Teams, die auf Grafiken mit steigenden Pfeilen und Kurven schauen. Einige ernst, andere mit mildem, wissenden Lächeln oder schierer Begeisterung im Gesicht. Ich würde mich auf diese lange Nacht sehr freuen. I mean, I am definitely looking forward to this event.

Hochseilgarten auf Russisch - wie übersetzt man schwierige Wörter

Hochseilgarten im russischen Tscheljabinsk, Südural

Bei der Neuschöpfung in der russischen Sprache fallen Neologismen auf, die zwar aus dem Englischen abgeleitet sind, klingen aber russisch wie vom Volksmund vor Jahrhunderten gebildet. Manchmal ist die Grenze zwischen Archaismen und Neologismen sehr dünn. Es entstehen Wortschöpfungen und Redewendungen wie копипастить (kopipastit’, entlehnt von “copy and paste“) oder расшаренный (rasscharennyj, im Sinne von „shared“, wenn man z.B. über im Netz freigegebenen Drucker oder über Medien und Dateien für den gemeinsamen Zugriff spricht).

Ein russisches Neuwort (oder zumindest ein für mich neues Wort), das meines Wissens noch in keinem „offiziellen“ Wörterbuch, aber auch in „sozialen“ Internet-Wörterbüchern wie Multitran verzeichnet ist, entdeckte ich neulich im russischen Tscheljabinsk. Ein weiteres Bespiel davon, wie dicht the private and the professional nebeneinander liegen, wenn man als Dolmetscher unterwegs ist.

Gleich am ersten Tag, im Park neben der Staatlichen Universität Südural, die sich abgekürzt im Russischen ЮурГУ (JuUrGu) und im Deutschen laut Wikipedia nicht minder ähnlich SUSU nennt, fand ich einen Hochseilgarten, und zwar viel extremer, als die mir bekannten derartigen Anlagen in und um Hamburg. Der Hochseilgarten in Tscheljabinsk heißt dementsprechend „Les-Ekstrim“, nicht im Sinne von „les“ im Französischen, sondern weil Wald im Russischen лес (les) heißt. In anderen Worten, Wald Extrem

Schon das erste Mal, als ich den Hochseilgarten am Lütjensee in der Nähe von Hamburg entdeckte, fragte ich mich, wie wohl der Begriff adventure park im Russischen klingen mag. Die beliebteste Attraktion ist dabei das Schwingen am Seil oder das Hinabsausen an einem Drahtseil, gesichert im Klettergurt, über den Wald. Im Englischen heißt so eine Art Seilbahn zip line, im Russischen tarzanka. Eigentlich wird im Russischen als tarzanka gelegentlich auch bungee jumping bezeichnet, so dass die Abgrenzungen fließend sind. Eine genauere Übersetzung für Hochseilgarten oder high ropes course im Englischen wäre веревочный парк bzw. веревочный парк приключений на деревьях, aber, wie ich festgestellt habe, bleibt es für die meisten tarzanka in der Umgangssprache. Das Wort, wie aus der Kindheit. International verständlich, mit einer typischen „-ka“-Endung, wie in vielen Verniedlichungsformen*. In Großbritannien gibt es übrigens bereits eine Unterhaltungskette, die bezeichnenderweise Go ape heißt. Ich finde beides, sowohl tarzanka, als auch Go ape ziemlich treffend.

* Noch ein paar beispielhafte -ka-Endungen, beide umgangssparchliche Bezeichnungen von technischen Begriffen, die ebenso sympatisch und irgendwie kindisch klingen:
вагонка (wagonka) – Fassadenholz, Hoilzverschalungen
болгарка (bolgarka) – Einhand-Winkelschleifer, Trennschleifer, Flex

Artikel über Hochseilgarten in der russischen Wikipedia: Верёвочный курс

Hochseilgarten in Tscheljabinsk:

Noch ein Bild zum Artikel über Hochseilgarten in Russland

Druckfehler selbst in Leuchtreklame - Moskau - Englische Übersetzung

Als vor einigen Jahren die Europäische Qualitätsnorm für Übersetzungsdienstleistungen EN 15038 erschien, entflammte unter Übersetzern und Dolmetschern eine heftige Diskussion vor allem im Zusammenhang mit dem so genannten Vier-Augen-Prinzip. Wider Erwarten bedeutet dieser Grundsatz kein vertrauliches Zwiegespräch unter vier Augen oder, wie man im Russischen sagt, s glasu na glas (Auge in Auge), das vom Dolmetscher ein Höchstmaß an Vertraulichkeit erfordert. Nein, das Vier-Augen-Prinzip setzt voraus, dass sich mindestens zwei Personen an einer Übersetzung beteiligen, wenn diese Übersetzung in Übereinstimmung mit EN 15038 erstellt wird. Das eine Paar Augen kontrolliert das andere, 2nd look, double check, dual control

Bei den vielen Argumenten pro et contra ging es meistens darum, dass, sollte sich dieses Prinzip durchsetzen, die Folgen nicht nur für die Qualität der Übersetzung, sondern auch für den Preis, die Laufzeit des Auftrags usw. bis zur Ausführbarkeit des Auftrages zu spüren wären. Dabei blieb häufig übersehen, dass allein der explosionsartige Zuwachs an leicht zu erstellenden Publikationen aller Art für eine sorgfältigere Kontrolle spricht. Bedenkt man dazu, dass immer mehr Texte per copy and paste produziert und immer mehr Übersetzungen maschinell gefertigt werden, so findet man immer weniger Einwände gegen eine zweite Person zur Kontrolle. Oder überhaupt gegen eine Person, denn der erste „Übersetzer“ hat heutzutage oftmals gar keine Augen. Erst im Falle eines zweiten Übersetzers (zuständing für das Post-editing von maschinell übersetzten Texten) handelt es sich von einer menschlichen Person.

Meine These ist, dass das Vier-Augen-Prinzip sich schon aus diesem Grunde durchsetzen sollte. Auch trotz oder eher wegen der Verwendung von Übersetzungssoftware (CAT oder TEnT). Andernfalls drohen uns immer mehr Fehler. Inhaltsfehler, Druckfehler, Flüchtigkeitsfehler, welch Fehler auch immer…

Neulich in Russland entwickelte ich meine These über das Vier-Augen-Prinzip als künftiger „Selbstläufer“ im Gespräch mit einer russischen Kollegin und erwähnte Zeitungsüberschriften und Großplakate, die von Druckfehlern nicht verschont geblieben sind. Nun sei die Neonreklame dran. Und tatsächlich, nur ein Tag später, als ich im Flughafen Moskau-Sheremetyevo auf meinen Flug wartete, fiel mein Blick auf das Leuchtschild vor dem Duty-Free-Shop. Ich dachte, ich übertreibe, aber schauen Sie sich bitte diese fesche Aufmachung selber an:

Druckfehler gross geschrieben - selbst in Leuchtreklame - "fasion" anstelle "fashion"

Sploschnaja Illuminazija, wie die russische Übersetzung des Titels des Romans „Everything Is Illuminated“ (auf Deutsch „Alles ist erleuchtet“) von Jonathan Safran Foer lautet…

Es wird also immer Arbeit für Übersetzer geben, wenn auch „nur“ auf den zweiten Blick! Zugegeben, anfangs stand auch ich etwas skeptisch dem Vier-Augen-Prinzip gegenüber. Allmählich wechsele ich innerlich die Seite. Skeptisch ja. Noch. Aber immer weniger.

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