BDÜ Nord, Social Media und SEO

Chinese_Wink

Die Konsolidierung schreitet voran. Das gilt gleichermaßen für viele Branchen, ebenso für unsere „Sprachindustrie“. Darunter verstehe ich nicht nur die üblichen Verdächtigen, sprich Übersetzungsagenturen, traditionell eher auf den Handel mit Sprachdienstleistungen aller Art spezialisiert, sondern vielmehr die Produzenten, die eigentliche industrielle Kraft unserer Branche. Mit anderen Worten: Die fortschreitende Konsolidierung umfasst auch freiberufliche Dolmetscher und Übersetzer, genauer genommen, deren Verbände.

Vor einigen Wochen haben sich Übersetzer und Dolmetscher in Norddeutschland zu einem Landesverband (LV) zusammengeschlossen. BDÜ Nord (die Seite vom LV Bremen und Niedersachsen wird demnächst überarbeitet) ist ein überregionaler Landesverband unter dem Dach des BDÜ, der zahl- und einflussreichsten Vereinigung deutscher Sprachdienstleister. Die Gründung war überfällig: Warum der BDÜ, als der Bundesverband qualifizierter Dolmetscher und Übersetzer bundesweit agierend, nicht auch in Hamburg und Schleswig-Holstein formal präsent war, ist für Außenstehende nicht nachvollziehbar.

Im neuen BDÜ LV Nord gilt mein Interesse primär der Öffentlichkeitsarbeit, insbesondere den Netzwerken und sozialen Medien. Zwar habe ich bewusst die Entscheidung getroffen, für den Vorstand für PR und Social Media zu kandidieren, jedoch war ich wenig vorbereitet, mich vor der Mitgliederversammlung in Bremen vorzustellen. Umso mehr meine Dankbarkeit an all diejenigen, die mir ihr Vertrauen geschenkt und ihre Stimme gegeben haben. Ein paar einleitende Worte zu meinem Aufgabenfeld (und wie ich es verstehe) bin ich ihnen schuldig. Soviel zum Anlass dieses Blogeintrags.

Eine hohe Mitgliederzahl bedeutet eine große Vielfalt, aber auch große Unterschiede. Unter anderem in bezug auf die Einstellung zu und Nutzung von sozialen Netzwerken und Internet insgesamt. Laut einer informellen Facebook-Umfrage des schwedischen Übersetzers Erik Hansson haben etwa 60 % der freiberuflichen Dolmetscher und Übersetzer keine eigene Website. Mein Eindruck ist, dass der gleiche Prozentsatz, wenn nicht sogar ein niedrigerer, auch im Falle einer Umfrage in unserem Verband zustande käme. Die Anzahl derjenigen, die in sozialen Netzwerken beruflich und privat unterwegs sind, ist vermutlich noch geringer.

Eben kommt eine Meldung vom BDÜ-Landesverband Sachsen-Anhalt, der die Meinung, die sozialen Netzwerke würden beruflich wenig taugen, als Irrtum darstellt. Ob die Nutzenargumentation pro Xing und andere Plattformen ausreicht, die zweifelnden Mitglieder umzustimmen, sei dahingestellt. Zwar wird die unten zitierte Empfehlung zum Irrtum erklärt, doch ist es einfacher, ihr zu folgen (was viele KollegInnen ohnehin, mit oder ohne Empfehlung, tun): „Verlieren Sie … nicht zu viel Zeit auf solchen Websites, sondern knüpfen und pflegen Sie Kontakte lieber persönlich. Besuchen Sie Kunden, melden Sie sich zu Seminaren an, gehen Sie auf Messen etc.“

Meine Meinung dazu ist ganz pragmatisch. So wie in dem Posting von unseren Kollegen aus Sachsen-Anhalt taucht der Begriff Social Media immer häufiger im Zusammenhang mit „beruflichen Zwecken“ auf: Es geht um Neukunden und darum wie man „Aufträge an Land zieht“. In der Tat: Kaum ein anderes Thema beschäftigt uns, Freiberufler, mehr als die Kundenakquise. Und jedesmal, wenn die Frage gestellt wird, wie kommt man an neue Kunden, wird über Werbekampagnen, Networking, WOM (word-of-mouth, neudeutsch für Mund-zu-Mund-Propaganda), Kundenansprache auf Messen usw. hin und her diskutiert. Dabei muss ich immer an einen augenzwinkernden Chinesen denken, von dem ich mal den Spruch hörte: „you hunt, we catch“.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich bekomme ständig Anfragen von potentiellen Neukunden, die mich über meine Website finden. Diese „Entdeckung" schulden sie den Suchmaschinen, allen voran Google. Dass die Suchmaschinen meine Website als Treffer anzeigen, wenn der Kunde nach bestimmten Kriterien sucht, liegt daran, dass die Inhalte auf dieser Seite offensichtlich als relevant eingestuft werden. Und das wiederum liegt daran, dass auf meine Seite von anderen Seiten verlinkt wird und die Inhalte mit den Themen bzw. Schlüsselworten auf anderen, ebenso relevanten Seiten korrespondieren. Zwar gehören die Google-Algoritmen angeblich zu dem meist gehüteten Geheimnissen unserer Zeit, jedoch ist die Rolle der Foren und der sozialen Netzwerke dabei unumstritten.

Auf das Risiko hin, dass das Fazit etwas plakativ-populistisch klingt: Keine ausgeklügelten SEO-Tricks, sondern Inhalte und Aktivitäten in Foren und auf anderen Seiten, darunter auch in sozialen Netzwerken, sind entscheidend, ob potentielle Kunden euer Angebot im Netz finden und auf euch aufmerksam gemacht werden. Im Falle unseres Verbandes ist es ein kollektives, in seiner Vielfalt kaum zu schlagendes Angebot, dass sowohl nach innen (an seine Mitglieder), als auch nach außen (an alle Kunden und Interessenten) gerichtet ist. Es hängt also von uns allen ab, ob der BDÜ als die erste Adresse für qualitativ hochwertige Sprachdienstleistungen auffindbar und sichtbar wird.

Im Klartext: Ich finde es schon nett, wenn unsere potentiellen Kunden auf der Suche nach einem geeigneten Dolmetscher oder Übersetzer nicht in erster Linie das vermittelnde Gewerbe, sondern unseren Verband auf der ersten Trefferseite finden. Das ist gut für unsere Kunden und für unsere Mitglieder (obwohl zugegebenermaßen die Online-Datenbank der BDÜ-Übersetzer und -Dolmetscher stark verbesserungsbedürftig ist).

Je präsenter der Verband im Internet ist, je häufiger die entsprechenden Webseiten erwähnt und referenziert, sprich verlinkt, werden, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass der BDÜ und seine Mitglieder von Kunden gefunden werden. Ob man auf solchen Seiten wie Xing „zu viel Zeit verliert“ (siehe Zitat oben) oder nicht, hängt also davon ab, wie konstruktiv man seine Zeit und diese Seiten nutzt. Auch davon, ob man gelegentlich an die Wirkung von keywords und backlinks denkt. Selbstverständlich gilt es für alle öffentlichen Netzwerke, ebenso für die eigenen BDÜ-Foren, vorausgesetzt dass sie offen sind. Noch wichtiger ist es, nicht nur dort präsent zu sein, wo sich überwiegend Übersetzer und Dolmetscher austauschen, sondern wo unsere Kunden – unsere Zielgruppen – sozialnetzwerkmäßig unterwegs sind.

Die sozialen Medien heißen „social“ und nicht „corporate“, weil sie von vielen Individuen, mit ihren persönlichen Stimmen und Meinungen getragen werden. Das Potential eines mitgliederstarken, von gemeinsamen Interessen geleiteten Verbandes ist gerade in diesem Bereich enorm. Das Bedürfnis, eigene Privatsphäre zu schützen und bei dem einen oder anderen Meinungsaustausch unter sich zu bleiben, ist verständlich und legitim. Dass einige Bereiche nur für Mitglieder zugänglich sein sollen, steht außer Frage. Nichtsdestotrotz: Alle Inhalte, die aus dem einen oder anderen Grund unter der Decke gehalten werden, sind für das Ziel einer pragmatisch betrachteten, am Marketing orientierten Öffentlichkeitsarbeit – Bekannt- und Gefundenwerden – kontraproduktiv. Bleibt man unter sich, verschließt man sich gegebenenfalls auch den potentiellen Kunden.

Betrachtet man die Suchmaschinenoptimierung als die Gesamtheit all der Maßnahmen, die helfen, eigene Webseiten im organischen Ranking nach vorne zu bringen, so besteht für unseren Verband die wichtigste SEO-Aufgabe darin, möglichst viele Mitglieder zu einer offenen, aktiveren Nutzung von Social Media und zu mehr Präsenz im Internet zu animieren. Allein dadurch entsteht mehr natürlicher, relevanter Content, als was die SEO-gesteuerten Seiten durch eine höhere Suchwortdichte künstlich zu generieren versuchen.

Also nochmals, liebe KollegInnen: ganz pragmatisch bedeuten soziale Netzwerke in ihrer Folge mehr natürlicher, relevanter Content und ein höheres Ranking, im buchstäblichen und übertragenen Sinne. Daraus ergeben sich bessere Chancen, von Kunden gefunden zu werden, als Verband, als Einzelmitglieder, als ÜbersetzerInnen und DolmetscherInnen für entsprechende Thematiken, Spezialisierungen und Sprachkombinationen. Selbstverständlich schließt das „passive" Gefundenwerden all die anderen, „aktiven" Marketingempfehlungen (Kontakte pflegen, Kunden auf Messen besuchen…) keineswegs aus. Aber denkt daran: Marketing, ähnlich wie Tourismus, kann sowohl „outgoing“, als auch „incoming“ sein. Die chinesische Weisheit, finde ich, bringt es auf den Punkt.

  1. Kevin Lossner’s avatar

    Du bist ja auch der Richtige fuer diese Rolle, Valerij. Das nenne ich Fortschritt.

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